

Seit September 2002 haben sich die Gesandten des Dalai Lama in neun Dialogrunden mit Vertretern der chinesischen Regierung getroffen. Die letzte Gesprächsrunde hat im Januar 2010 stattgefunden. Im November 2008 hatte die tibetische Seite das bisher detaillierteste Dokument über echte Autonomie für Tibet innerhalb der Volksrepublik China vorgelegt.
"Note" der Gesandten des Dalai Lama aus Anlass der 9. Dialogrunde in Peking, Januar 2010 (engl.)
ICT-Pressemitteilung zur 9. Dialogrunde im Januar 2010
"Tibet-Briefing" vom Januar 2009 mit aktuellen Berichten über den sino-tibetischen Dialog
Ausgehen kann man davon, dass sich die chinesische Regierung ohne den Druck der internationalen Staatengemeinschaft nicht dazu bereit erklärt hätte, Vertreter des Dalai Lama zu Gesprächen im Jahre 2002 zu treffen. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter sucht seit langem Unterstützung auf internationaler Ebene, um sein politisches Ziel, die substantielle Autonomie der Tibeter innerhalb eines chinesischen Staatsverbandes, zu verwirklichen. Obwohl in den Grenzen der Volksrepublik China eine "Tibetische Autonome Region" (TAR) eingerichtet wurde, existiert ungeachtet anders lautender Gesetze der Volksrepublik bis heute keine politische, wirtschaftliche und kulturelle Selbstbestimmung der Tibeter.
Einigen Asienwissenschaftlern zufolge ist die chinesische Regierung gegenüber der Tibet-Frage gespalten. Innerhalb der chinesischen Regierung gäbe es eine Gruppe, die die Auffassung vertritt, dass sich die Tibetproblematik von selbst erledigen würde, wenn der Dalai Lama stirbt. Andere, insbesondere chinesische Rechts- und Politikwissenschaftler, argumentieren, dass die Volksrepublik eine historische Chance verpassen könnte, wenn es die Gesprächsangebote des Dalai Lama nicht wahrnimmt. Sie glauben, das geistige Oberhaupt sei ein Gesprächspartner, der sowohl über Autorität unter den Tibetern verfügt, als auch die Interessen der Chinesen angemessen berücksichtigen will. Ferner würde eine Verhandlungslösung nachhaltig zur inneren Stabilität der Volksrepublik China beitragen und Chinas internationales Ansehen verbessern.
Trotz des zwischenzeitlichen Stillstands in den sino-tibetischen Beziehungen sah Lodi Gyari, Sondergesandter des Dalai Lama, auch immer wieder positive Aspekte im Dialog mit den Vertretern der chinesischen Führung: "Heute haben wir ein profunderes Verständnis der jeweils anderen Position und wir begreifen die fundamentalen Unterschiede, die auch weiterhin bestehen, besser."
Doch nicht nur auf politischer Ebene, auch in der chinesischen Bevölkerung gibt es neue Entwicklungen bezüglich der Tibetfrage. Vor allem jüngere Chinesen, insbesondere Studenten und Intellektuelle, äußern sich relativ offen im chinesischen Internet und drücken ihre Sympathie für die Anliegen Tibets aus. Diese Ansichten erreichen mittlerweile weitere Kreise der Bevölkerung. Chinesische Intellektuelle unterstützen erstmals die Verhandlungslösung des Dalai Lama und schreiben - wie Wang Lixiong - mutige Essays, in denen sie den Dalai Lama als Schlüssel zur Lösung des Tibet-Problems bezeichnen. Allerdings ist vor dem Hintergrund einer sich verschlechternden Menschenrechtsituation in Tibet zu konstatieren, dass ein großer Teil der Tibeter den Dialogbemühungen des Dalai Lama mit zunehmender Skepsis begegnet.
Da der sino-tibetische Dialog weiterhin von außerordentlich hoher Bedeutung für die Lösung der Tibetfrage ist, empfiehlt International Campaign for Tibet der internationalen Staatengemeinschaft, insbesondere den Staaten der Europäischen Union,